VON ULRIKE KLEINEKOENEN
Hofheim. Sechs Schulen aus dem Main-Taunus-Kreis haben sich jetzt gemeinsam auf den Weg zu einer "modernen Lern- und Unterrichtskultur" gemacht, die sich an den Veränderungen und Bedürfnissen von Gesellschaft und Berufswelt orientieren soll. Das Netzwerk, das sich unter dem Motto "Wir machen Schule" zusammengeschlossen hat, hat sich eine Verbesserung der Schulqualität auf die Fahnen geschrieben. Mit dabei sind die Schwalbacher Albert-Einstein-Schule (AES) als einziges reines Gymnasium, die Heinrich-Böll-Schule (Hattersheim) und die Heinrich-von-Kleist Schule (Eschborn), beides kooperative Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe, sowie die kooperativen Gesamtschulen Freiherr-vom-Stein-Schule (Eppstein), Mendelssohn-Bartholdy-Schule (Sulzbach) und Weingartenschule (Kriftel). Die sechs Schulleiter setzten am Donnerstag im Hofheimer Kreishaus ihre Unterschrift unter die Präambel eines Vertrages, in dem sie fixierten, wovon ihre insgesamt 6000 Schüler und 500 Lehrkräfte profitieren sollen. Ziel ist, "signifikant bessere Kompetenzen zu erreichen", damit die Jugendlichen mit einer "gesicherten Anschlussperspektive" die Schule verlassen. Dafür will man voll gepackte Lehrpläne durch Bildungsstandards ersetzen, wobei die individuelle Förderung jedes einzelnen Schülers in den Fokus gerückt werden soll. Klaus Feine-Koch vom Staatlichen Schulamt in Rüsselsheim und Martin Günther vom Hessischen Kultusministerium begrüßten ausdrücklich, dass sich die Schulen bei diesem Umbruch von einem prozessgesteuerten Unterricht zu ergebnisorientierten Bildungsstrukturen, wie sie das Hessische Kultusministerium propagiere, gegenseitig unterstützen.
Die sechs Partner befinden sich momentan in diesem "inhaltlichen Umgestaltungsprozess", in dem sie sich künftig im Netzwerk immer mehr miteinander abstimmen wollen. "Die Schulen tauschen ihre Konzepte und Unterrichtsmaterialien aus und profitieren so von den Synergieeffekten", nannte Anke Horn, Leiterin der AES, nur einen Aspekt der Zusammenarbeit. Regelmäßige Treffen und "passgenaue" Fortbildungsangebote sind selbstverständlich. Es ist sogar daran gedacht, dass Lehrer gegenseitig abgeordnet werden.
Die "Netzwerker" verstehen sich jedoch nicht als "geschlossene Gesellschaft", sondern sie seien offen für weitere Partner, erklärte Wolfgang Kümml, Leiter der Mendessohn-Bartholdy-Schule und zeigte, dass auf dem Vertragspapier noch genügend Platz für weitere Unterzeichner ist. Eine stärkere Verzahnung werde mit den Grundschulen angestrebt, von denen die weiterführenden Schulen die Kinder übernehmen, ebenso mit den beruflichen Schulen, "an die wir sie abgeben".
Beim Vorhaben, neue Formen des Unterrichts und der Schulorganisation umzusetzen, bauen die Schulen auch auf die Unterstützung von Partnern aus Politik und Wirtschaft. Nicht von ungefähr wurde Kreis-Schuldezernent Michael Cyriax zum Netzwerk-Paten ernannt. Eine wichtige Rolle komme auch der Industrie- und Handelskammer zu, erklärte die Leiterin der Weingartenschule, Monika Freytag-Baumgartner. Sie will Schülern mehr Einblicke in die Berufspraxis geben. "Da reicht ein Praktikum in der 9. Klasse nicht aus".
VON ANGELIKA HEYER
MAIN-TAUNUS Sechs weiterführende Schulen aus dem Main-Taunus-Kreis haben sich gestern zu einem Netzwerk "Wir machen Schule" zusammengeschlossen. Ziel ist es, durch den Austausch von Erfahrungen und Fortbildungen die Qualität der Schülerausbildung weiter zu verbessern.
Sie wollen sich regelmäßig treffen und Konzepte austauschen, passgenaue Fortbildung entwickeln und mit der Wirtschaft kooperieren: Die Schulleiter und Lehrer der sechs Schulen in Eppstein, Hattersheim, Kriftel, Schwalbach, Sulzbach und Eschborn, die jetzt ein Netzwerk ins Leben gerufen haben. Immer mit dem Ziel, den Schulalltag so weit fortzuentwickeln, dass die Fähigkeiten der Schüler optimal entwickelt werden und die Jugendlichen anschließend mit guten Perspektiven ins (Berufs)leben starten. Und das mit gleichbleibendem Erfolg. "Wir wollen weg davon, dass die Qualität des Unterrichts von dem Zufall abhängt, welcher Lehrer in die Klasse reingeht", sagt Karl Hildebrandt, Leiter der Hattersheimer Heinrich-Böll-Schule. Nach seiner Beobachtung sind die Lehrer oft gute Fachleute in ihrem Unterrichtsstoff, aber hätten Defizite bei der Vermittlung von Qualitäten wie Motivation, Leistungsbereitschaft und Freude am Lernen. Die sechs Schulen haben bereits ein Qualitätsmanagement aufgebaut, berichteten die sechs Schulleiterinnen und Schulleiter sowie Main-Taunus-Schuldezernent Michael Cyriax, die gestern im Kreishaus in Hofheim den "Netzwerkvertrag" unterzeichneten.
Beteiligt sind die Eppsteiner Freiherr-vom-Stein-Schule, die Hattersheimer Heinrich-Böll-Schule, die Krifteler Weingartenschule, die Schwalbacher Albert-Einstein-Schule, die Sulzbacher Mendelssohn-Bartholdy-Schule und die Eschborner Heinrich-von-Kleist-Schule. Sie sehen sich, wie sie betonen, nicht als "geschlossene Gesellschaft", sondern wollen bewusst Kontakt zu anderen Partnern wie zum Beispiel der Industrie- und Handelskammer (IHK) suchen sowie andere Schulen teilhaben lassen. "Wir haben schon gute Erfahrungen in der Vernetzung mit der Wirtschaft", sagte Wolfgang Kümml von der Sulzbacher Schule und bekundete außerdem besonderes Interesse an der Verbindung zu den Grundschulen. Denn der Übergang von der vierten in die fünfte Klasse sei für die Kinder ein wichtiger Schritt.
Kontakte zu Unternehmen sind schon deshalb wichtig, weil die etwa 6000 Jugendlichen, die die sechs beteiligten Schulen besuchen, jeweils zwei Praktikumsplätze in ihrer Schullaufbahn benötigen. Zudem strebt das Netzwerk das hehre Ziel an, "dass alle Schülerinnen und Schüler die Schule mit einer gesicherten Anschlussperspektive verlassen". Eine Vertreterin der IHK signalisierte gestern Vormittag bereits Interesse an einer Mitarbeit im neuen Netzwerk.
Schuldezernent Michael Cyriax lobte, dass die Schulen mittlerweile selber Initiativen ergriffen und Schwerpunkte setzten. "Wir sind bei der Selbstständigkeit der Schulen weitergekommen". Diese Eigenständigkeit war laut Klaus Feine Koch vom Staatlichen Schulamt auch das Ziel des Pilotversuchs "Schule gemeinsam verbessern" von Land und Kreis. 25 Schulen seien in diesem Zusammenhang schon in den Genuss eines Qualitätsmanagments gekommen, das von der Unternehmensberatung Dydra und Partner geleistet wurde. Diese Firma wird auch das neue Netzwerk unterstützen.
VON ANDREA ROST
Von einem Paradigmenwechsel war gestern oft die Rede und von einer grundlegenden Veränderung des "Kerngeschäfts Unterricht". Am großen Konferenztisch im Hofheimer Kreishaus saßen sechs Schulleiter aus dem Main-Taunus-Kreis, Vertreter von Schulamt, Kultusministerium und IHK, Landrat Berthold Gall und Schuldezernent Michael Cyriax. Der Anlass: Sechs weiterführende Schulen aus dem Kreis haben sich zum Netzwerk "Wir machen Schule" zusammengeschlossen und wollen neue Wege in der Unterrichtsgestaltung gehen.
"Die Schulen haben viel zu lange Qualität und Fähigkeiten nur von ihren Schülern verlangt", sagte Karl Hildebrandt,Leiter der Hattersheimer Böll-Schule. "Wir sind der Auffassung, Schulen müssen Strukturen schaffen, damit möglichst viele Schüler gute Ergebnisse erzielen. Die Qualität des Unterrichts darf nicht mehr davon abhängen, welcher Lehrer in der Klasse steht."
Gemeinsam wollen die sechs Schulen künftig den Unterricht planen, Material und Konzepte austauschen und von den Erfahrungen der anderen lernen. Auch die Lehrer sollen in Fortbildungen gemeinsam trainiert und geschult werden. Das Ziel ist klar formuliert: Die Schülerinnen und Schüler im Netzwerk sollen ab dem Jahr 2010 signifikant bessere Kompetenzen erreichen und die Schule mit einer gesicherten Perspektive verlassen.
Die Frage, ob das dreigliedrige Schulsystem das bessere ist oder die integrierte Gesamtschule, ob 12 oder 13 Schuljahre bis zum Abitur durchlaufen werden sollen, stehe für die Netzwerker nicht im Vordergrund, sagte die Leiterin der Krifteler Weingartenschule, Monika Freytag-Baumgartner. "Wichtig ist, dass wir Unterrichtsformen finden, die die Schüler in die Lage versetzen, selbstständig zu arbeiten. Wir strukturieren die Lernzeit dann anders, der Lehrer wird zum Moderator. Die Frage, ob Lerninhalte in der vorgegebenen Zeit vermittelt werden können, stellt sich dann gar nicht mehr."
Geknüpft wurden die Kontakte zwischen den Schulen im Zuge des Pilotprojekts "Schule gemeinsam verbessern", das seit 2002 im Main-Taunus-Kreis läuft. Die einzelnen Schulen erhalten dabei Budgets, die sie eigenverantwortlich verwalten können, müssen im Gegenzug aber Qualitätssicherung betreiben. Die Unternehmensberatung Dyrda & Partner hat sie dabei unterstützt.
Als geschlossenen Kreis sehen die sechs Schulen ihr Qualitätsnetzwerk nicht: "Wir sind offen für neue Partner", betonte Anke Horn, Leiterin der Schwalbacher Albert-Einstein-Schule. Auch Wirtschaftsunternehmen könnten sich anschließen.
Eine nachhaltige Qualitätsverbesserung schulischer Bildungsprozesse ist das Ziel des vor acht Monaten gegründeten Netzwerks "Wir machen Schule", dem sechs Schulen im Main-Taunus-Kreis angehören, unter ihnen die Weingartenschule in Kriftel. Deren Leiterin Monika Freytag-Baumgartner ist überzeugt von der Notwendigkeit schulübergreifender Zusammenarbeit. Dass mehr für die Bildung der Jugend getan werden muss, hat u.a. die "Pisa-Studie" deutlich gemacht: Es müssen neue Konzepte her. "Wir kommen nicht voran, wenn alle hessischen Schulen im Alleingang versuchen, das Rad immer wieder neu zu erfinden", stellt Freytag-Baumgartner fest.
Die Pädagogin teilt sich mit der Leiterin der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach, Anke Koch, den Vorsitz im Netzwerk und ist außerdem Vorsitzende eine Ende August gegründeten Fördervereins. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sponsoren für gezielte Projekte im Rahmen des Netzwerks zu finden. Ein Sponsor konnte bereits mit dem Lions-Club Hattersheim/Kriftel gewonnen werden ? der Club finanziert eine umfangreiche Datenerhebung in den Schulen. Sie soll sichtbar machen, "wo wir heute stehen", erklärt Freytag-Baumgartner. Eine Art "Schulinspektion" sei die Erhebung, mit dem Unterschied allerdings, dass die Daten von den Schulen selbst ausgewertet und interpretiert werden.
Im Großen und Ganzen geht es um das Ziel des "eigenverantwortlichen Lernens", das im Netzwerk durch eine Vielzahl von Veränderungen des herkömmlichen Unterrichts verfolgt wird. Die Schüler sollen in die Lage versetzt werden, sich die Informationen, die sie zur Bearbeitung eines bestimmten Stoffes benötigen, selbst einzuholen, z.B. auch durch eine intelligente Nutzung des Internets. Dazu gehört u.a. auch eine sinnvolle Arbeitsplatzorganisation oder die Fähigkeit, im Team zu arbeiten. "Das Lernen ist anders geworden", kann die Schulleiterin feststellen. Ebenso das Lehren: In Jahrgangsteams treffen die verschiedenen Fachlehrer Absprachen über die Umsetzung von fachübergreifenden Bausteinen.
Die moderne Schule muss nach Überzeugung von Monika Freytag-Baumgartner die überfachlichen Kompetenzen der Schüler stärker als bisher in den Mittelpunkt rücken und fördern. Sie soll nicht dabei stehen bleiben, Wissenslücken in Tests zu offenbaren, sondern den Schüler fragen: Was kannst Du? Wir kann ich Dir helfen weiterzukommen? Im Netzwerk geht man dabei von verschiedenen Kompetenzstufen aus: Wer hat den Inhalt eines Textes verstanden, wer ist in der Lage, ihn auch seinem Nachbar zu erklären?
Ein wesentlicher Vorteil der schulübergreifenden Kooperation ist die Konsequenz in der Umsetzung von entsprechenden Konzepten. Es wird nicht mal hier, mal dort etwas angepackt, um dann vielleicht am Ende doch wieder im alten Trott fortzufahren. Der regelmäßige Austausch zwischen den Netzwerk-Partnern ist ein weiterer ganz wichtiger Aspekt. Neben den Zusammenkünften der Schulleiter ist z.B. vereinbart, dass sich die Verantwortlichen für den Hauptschulzweig der jeweiligen Schule treffen und Erfahrungen austauschen. Und wenn in Kürze im Realschulzweig der Weingartenschule Prüfungen stattfinden, sind die Realschulleiter der Partnerschulen eingeladen, sich persönlich ein Bild von den Prüfungsabläufen zu machen.
Grundsätzlich ist man im Netzwerk offen für die Beteiligung weiterer Schulen. "Wir sind kein geschlossener Club", so Freytag-Baumgartner. Insbesondere würde man es begrüßen, wenn sich auch Grundschulen an der Kooperation beteiligen würden. Womit sich die Aufgabenstellung natürlich noch erheblich ausdehnen würde. Für die Beteiligten ist das Engagement im Netzwerk mit einem immensen zusätzlichen Zeit- und Arbeitsaufwand verbunden. Doch die Leiterin der Weingartenschule ist überzeugt davon, dass sich das Engagement lohnt: "Wir sind bereits auf einem sehr guten Weg!"